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TÖRN 101.20 – Position 12.01.2020

Tagesbericht

Törn: 101.20

Datum: 12.01.2020

Ein Tag auf der Alex

Für die erste Wache (von 0 Uhr bis 4 Uhr) beginnt der Tag auf der Alex noch am Vortag mit dem freundlichen „Aufstehen!“ der weckenden Abteilung der vorausgehenden Wache. Meist folgt auf das „Aufstehen!“ die Information, dass in einer halben Stunde die Wache beginnt und mit kurzen Angaben zum Wetter, zumeist es hat ca. 18° und es ist windig.

Daraufhin trifft sich die aufziehende Wache in der Messe und stimmt sich auf die kommende Wache ein. Für diejenigen, denen der Seegang nicht den unverbrüchlichen Appetit raubt, sorgt der Mittelwächter, der Mitternachtssnack an Bord, bereits um kurz vor 12 für den ersten Lichtblick des Tages. Nun gestärkt begibt sich die Wache auf das Achterdeck zur Wachübergabe um die vorausgehende Wache abzulösen.

Nach der Wachübergabe werden innerhalb der Wache die Notmanöverpositionen eingeteilt, falls ein Segel schnell eingeholt werden muss. Die darauffolgende Rauchchance in Lee (im nichtseemannsdeutsch auch Pause genannt) wird meist durch eine Halse unterbrochen. Dieses Segelmanöver erfordert die aktive und schweißtreibende Mitarbeit der gesamten Wache und bildet auch den Grundstein des sportlichen Wettbewerbs unter den Wachen, nämlich wer denn die schnellste Halse fährt.

Neben der beinahe obligatorischen Halse, stellt die Wache auch verschiedene Posten für ihren Wachzeitraum. Diese sind der Ausguck und der Rudergänger. Der Rudergänger hat die verantwortungsvolle Aufgabe das Schiff zu steuern, was bei schwächer werdendem Wind, durch den Verlust der Manövrierfähigkeit, eine große Herausforderung sein kann.

Der Wind stellt aber auch für den Ausguck eine Herausforderung dar. Da der Ausguck ja die See und die auf ihr befindlichen Fahrzeuge sehen muss, kann dieser nicht windgeschützt stehen, sondern hat stets ein frisches Lüftchen um die Ohren. Nach Besetzung des Postens muss der Ausguck auch eine Feuerrunde durch die Alex absolvieren um zu prüfen, dass nirgendwo Wasser eintritt oder ein Feuer entsteht.

Neben dem Stellen der Posten können jedoch auch andere Aufgaben durch die Wache erledigt werden. Über lange Jahre erprobt ist dabei vor allem das Aushelfen in der Kombüse – Kartoffeln schälen. Doch nach vier Stunden neigt sich die Wache dem Ende zu und gerade die erste Wache des Tages freut sich dabei wieder auf den Moment um nach dem kühlen Wachbier wieder in die Koje klettern zu können, um bis zur Musterung um 11 Uhr zu schlafen.

Doch die Alex ruht keinesfalls von 4 bis 11 Uhr. Denn die nächste Wache tritt ihren Dienst an und kommt denselben und anderen Aufgaben nach, wie dem hissen der Flagge.

Zumeist wird auch in der Kombüse schon ab dem frühen Morgen gearbeitet, um die gesamte Besatzung mit kulinarischen Meisterleistungen zu beglücken. Denn nach diesen Wochen, trotz anstrengender Arbeiten an Deck, in der Takelage oder Seekrankheit, wird wohl niemand mit Gewichtsverlust rechnen müssen. Da wir stets mit Köstlichkeiten und Schmankerl aus der Küche rechnen können. So beginnt das Frühstück bereits reichhaltig mit hausgemachten Brötchen und anderweitigen Köstlichkeiten wie Pfannkuchen, Speck und Rührei.

Schon vor dem Frühstück beginnt auch die Backschaft mit ihrer Arbeit. Aufgabe der Backschaft ist es für die Mahlzeiten einzudecken und aufzutragen, sowie die für alle zugänglichen Bereiche putzen. Mit diesen Aufgaben sind alle Besatzungsmitglieder für zwei Tage des Törns betraut. Doch die Backschaft ist keineswegs eine unbeliebte Aufgabe, da sie auch den Gang in die „Bordsauna“ beinhaltet. Die Spülküche bietet große Hitze und Luftfeuchtigkeit – für manche Qual doch für einige purer Genuss und ein Moment Wellnessurlaub an Bord.

Nach dem Frühstück um 8 Uhr findet ein weiterer Wachwechsel statt, der die dritte Wache fordert, zumeist mit der dritten Halse des Tages. Die Wachzeiten am Tag bieten neben der körperlichen Ertüchtigung, aber auch die Möglichkeit zur Beobachtung der hiesigen Fauna. Zumeist am Nachmittag tummeln sich Delfine entlang der Alex und bilden eine Eskorte entlang der Kanaren, um welche wir kreuzen. Wer Glück hatte konnte auch schon mal einen Wal an Backbordseite der Alex entdecken. Gott sei Dank ist uns der Kraken bislang erspart geblieben.

Um die Zeit des Mittagessens findet der vierte Wachwechsel statt. Zu der dieselbe Wache wieder aufzieht die am Morgen den Tag begonnen hat. In der nun hellen Wachschicht hat sie, wie die Wachen vor ihr, die Zeit und das Licht zur Naturbeobachtung, aber auch die Zeit andere Dinge zu tun und zu lernen. So wird die Möglichkeit genutzt um die unzähligen Nägel, an denen die Taue zum Setzen und Bergen der Segel festgemacht sind, an Bord der Alex auswendig zu lernen. Scheint das Lernen der Position des Nagels des Vorobermarsrah-Falls, der Großroyalbrass, des Vorstengestagsegel-Halsstreckers und des Unterbesan-Kopf-Einholers zunächst wie eine unmögliche Aufgabe die eher Herakles gestellt werden sollte als dem gemeinen Offiziersanwärter der Marine, scheint sie nach dem meistern eben jener Aufgabe logisch und absolut menschenmöglich.

Da uns die Kombüse verwöhnt ist über den Tag nicht nur Kopf gefordert, sondern auch der Magen, denn um 3 Uhr ist Kaffee & Kuchen und dies nicht nur am Seemannssonntag, sondern beinahe jeden Tag und gibt es mal keinen Kuchen gibt es noch vorzüglichere Nussschnecken.

Doch die Alex hat nicht nur Essen auf dem Tagesplan. Zwischen 11 und 18 Uhr steht Tagesdienst an. In dieser Zeit werden Arbeiten am Schiff vorgenommen oder einer Marinetradition der GORCH FOCK nachgegangen – dem Nähen eines Seesackes während der Reise.

Der Tagesdienst schließt mit dem Abendessen, bei dem wir wieder mit hausgemachtem Brot und warmen Speisen verwöhnt werden. Da wir zwischen den Kanaren kreuzen, zumeist Fuerteventura und Gran Canaria und in Zeiten der ECDIS Seekarten bleibt der die Seefahrt prägende Ausruf „Land in Sicht“ aufgrund der häufig sichtbaren Vulkaninseln aus, doch das 21. Jahrhundert hat ein Äquivalent dafür entwickelt und so ertönt am einen oder anderen Tag doch der Ausruf „Ich habe Empfang!“

Während die 4 bis 8 Uhr Wache ihren Dienst tut und die 8 bis 12 Uhr Wache sich auf ihre Schicht vorbereitet, nutzt die dritte Wache die Zeit um sich nochmal schön „auf den Bock zu hauen“ und die Augen noch einmal zu schließen.

Das, liebe Leserin und lieber Leser ist ein weiterer Bericht aus der Sichtweise eines Besatzungsmitgliedes der GORCH FOCK. Wie geht es weiter? Wir bleiben dran und berichten von Bord.

Herzliche Grüße von See