Datum: 09.09.2026
Mittagsposition: 56° 05,6‘ N, 011° 10,2‘ E
Das Wetter: Leicht bewölkt, WSW-Wind 4-5, 16 °
Liebe Alex-Fans,
Sonnenschein! Endlich! Nach der nassen Erfahrung in der vergangenen Nacht sind unsere Sachen getrocknet und heute lässt es sich deutlich entspannter an. Und das nicht nur wettertechnisch. Wobei Kapitän Joachim schmunzeln muss, als er uns Schönwettersegler trifft: „Was für ein grässliches Wetter, überhaupt nicht seemännisch.“ Der Kurs ist von der abgezogenen Wache bereits auf Süd geändert worden, sodass wir zunächst nur ein bisschen die Rahen nachjustieren müssen. Wobei wir ist gut … ich mache es mir in der ersten Stunde am Bug „gemütlich“ und halte Ausguck. Die meiste Zeit über passiert dort … nichts, kein einziges Schiff oder sonstige Objekte zu sehen, nur eine Möwe fliegt weitab vom Land einmal vorbei. Um 9 Uhr spotte ich einen schmalen schwarzen Poller auf Drei-Strich-Steuerbord und melde das zum Ausguckwechsel an den Steuermann – natürlich nicht ohne vorher korrekt zu glasen. Es ist durchaus sinnvoll auch solche zur Navigation dienenden Punkte zu melden. Denn genau diesen Poller, der sich in der Seekarte als Leuchtturm herausstellt, müssen wir unbedingt Backbord liegenlassen. Das wird uns mit Segeln nicht gelingen, also gibt der Steuermann in Absprache mit dem Kapitän den Befehl, die Segel einzuholen. Und das tun wir mit vereinten Kräften, sodass die sich langsam herausbildenden Schwielen an den Fingern deutlich bemerkbar machen. Das Einholen ist insgesamt schneller getan als gedacht, die Gordinge müssen zwar stark, aber nicht allzu weit dafür gezogen werden.
Kurz vor dem Leuchtturm, den mein Vater als Rudergänger souverän umsteuert, haben wir erstmals seit zwei Tagen wieder Handyempfang und so kann ich die aktuellsten Entwicklungen und ein paar Bilder nachhause schicken. Und den Hinweis auf unseren Routenverlauf auf der Webseite alex-2.de. Der sieht aus wie eine Kleinkindkritzelei – Zickzack und wirres hin und her im Kattegat. Die Halsen und Wenden sind deutlich erkennbar, doch im Anschluss daran zeigt der Kurs klar Richtung Großer Belt. Den steuern wir mit Motorkraft an, zu stark befahren ist diese Schiffahrtsstraße von Fähren und Containerschiffen, die uns reihenweise überholen. Der Motor verbaucht zehn Liter pro Stunde bei einer Geschwindigkeit von knapp 5 km/h, erklärt uns Maschinist Matthias nach dem Mittagessen (Hähnchenschenkel mit Ratatouille und Pommes) bei einer Führung durch die Technikräume unter Deck. Wir können den Ruderraum betreten, den Motorraum mit Gehörschutz ebenfalls und sogar die enge Kammer des Bugstrahlruders, in der das an die Metallwand plätschernde Meerwasser laut von außen zu hören ist. Auch die Kläranlage, die weniger schlimm duftet als gedacht, sowie die Stromzentrale können wir uns ansehen.
Nach der Kaffeepause vertiefe ich mich noch mal in das Bordbuch und versuche die Begriffe rund ums Segelsetzen auswendig zu lernen, was mir nicht vollends gelingt. Doch zunehmend bekomme ich ein Gefühl für die Abläufe und die Begrifflichkeiten. Spannend wird sein, was die späte Wache heute an Aufgaben übernehmen muss. Werden wir die Segel wieder setzen? Werden wir die Beltbrücke noch vor Mitternacht unterqueren und wie schön wird der Sternenhimmel bei Neumond wohl werden?
Die Antworten:
Ja, die 4-8-Uhr-Wache setzt die Segel und das bringt das Schiff bei ordentlichem Wind ganz schön in Krängung. In der Messe werden wieder die Gummitischdecken ausgelegt, um das Verrutschen von Geschirr und Besteck zu unterbinden. Mehrere Containerschiffe fahren mit geringem Abstand recht dicht und deutlich schneller an uns vorbei.
Ja, die Beltbrücke passieren wir gegen 22.10 Uhr, nachdem wir zuvor schon einige Stunden auf die Mitte der blinkenden Brückenpfeiler zugeteuert waren. Da ansonsten nicht viel zu tun ist für die Wache können wir uns alle am Ausguck positionieren und bei der Durchfahrt bange nach oben blicken, ob der Mast durchpasst. Passt er natürlich mit rund 40 Metern Höhe, da sind noch 25 Meter Luft. Direkt nach der Durchfahrt fällt der Wind kurz ab im Schatten der Brückenpfeiler, um dann munter weiterzublasen. Später holen wir noch die Vor-Obermars ein und brassen die Rahen noch etwas sauber nach.
Und dann der Sternenhimmel … den können wir in aller Ruhe beobachten. Enrico schwärmt davon, wie der aussieht, wenn gar kein Licht von Land mehr kommt. Doch schon so ist es sehr beeindruckend, vor allem, wenn man den schwankenden Mast als Fixpunkt nimmt und daran entlang nach oben schaut. Dann scheint es als würde sich das weite Himmelszelt leicht bewegen.
Herzliche Grüße von Bord
Bordberichterstatter Daniel, Kapitän Joachim und die ganze Crew

