Datum: 23.09.2026
Mittagsposition: 55°27‘63‘‘N, 008°26‘73‘‘E
Das Wetter: Bewölkt, 4-5 Beaufort
Liebe Alex-Fans,
die See ist ruhig, der Mond ist hell. Die Nacht ist ziemlich klar, nur ein leichter Dunst lässt Sektorenfeuer und Leuchttürme mystisch durch die Nacht strahlen. Ansonsten fasziniert ein Sternenhimmel, wie man ihn an Land nur selten sehen kann. Wilhelmshaven ist fast außer Sicht, Helgoland nun an der Backbordseite gefühlt schon zum Greifen nah. Und vermittelt durch sein imposantes Leuchtfeuer bei mir in der Nacht häufig auch ein Gefühl der Sicherheit und Verbundenheit. Mit diesen Eindrücken verabschiedet sich die 8-12 Wache um Mitternacht in die wohlverdiente Koje und übergibt mit dem Ritual der Wachablösung die Obhut über die Alexander von Humboldt II an die 0-4 Wache.
Diese manövriert uns sicher an einem Kreuzfahrtschiff und anderem Schiffsverkehr vorbei durch die Nacht. Die nachfolgende 4-8 Wache bereitet das Rigg zum Setzen der Segel vor. So dürfen wir diese in der 8-12 Wache nun endlich setzen. Und zwar nicht nur eines, sondern gleich fünf Rahsegel werden nacheinander gesetzt. Auch der Motor kann nun seine verdiente Freiwache antreten. Da stört es auch nicht, dass hier und da so etwas wie Regen in der Luft liegt.
Mit reiner Segelkraft Richtung Norden unterwegs dauert es auch nicht lang, bis die Gastlandflagge für Dänemark gesetzt wird. Diese muss (Memo an mich selbst und alle, die mal die Ehre haben) an der Flaggleine an der zweiten Saling im Vortopp auf der Steuerbordseite angebracht werden. Und zwar so, dass die Schlaufe oben mit einem Achterknoten, die Leine unten jedoch mit einem doppelten Schotstek befestigt wird. Und natürlich mit allerlei Tricks (Päckchen!) so vorbereitet, dass die Flagge sich nicht auf ihrem weiteren Weg nach oben verheddert, sondern sich imposant an der Spitze des Masts (richtig herum!) entfalten kann. Am Ende funktionieren nicht alle Tricks, was man dem Ergebnis aber nicht ansieht.
Nach der Wache gibt es ein wie immer fantastisches Mittagessen, zubereitet durch unsere Smuts und logistisch unterstützt durch die Backschaft. Nach dem Mittag gibt es für den einen oder anderen ebenfalls eine kurze Kojenpause. Wie angekündigt geht es aufgrund einer notwendigen größeren Kursänderung weiter mit den Vorbereitungen zu einer „Brassparty“. Das Brassen, also die Änderung der Ausrichtung der Rahen und damit der Segel ist eigentlich ein durchaus anstrengendes Manöver. Dieses geht allerdings durch die vereinten Kräfte der stehenden 0-4 Wache, dazu gerufenen 8-12 Wache und weiteren Freiwilligen erstaunlich reibungslos vonstatten. Wie nach jeder guten Party sieht das Deck danach entsprechend aus. Das Klarieren des Decks stellt die Ordnung (und Sicherheit!) aber schnell wieder her.
Noch währenddessen fangen die Vorbereitungen für das Anlegen in Esbjerg an. Als 8-12 Wache kümmern wir uns dabei um die Back, also (aus Gründen die ich noch einmal nachfragen oder in einschlägiger Literatur nachschlagen muss) um den vorderen Teil des Schiffes. Hier müssen wir Festmacherleinen aus der Leinenstores holen und fein säuberlich ausgelegen. Die dazugehörigen Augen, also Schlaufen am Ende der Leinen müssen durch die richtigen Öffnungen gesteckt, mit den Wurfleinen verbunden und diese zum Werfen vorbereitet werden. Anschließend beginnt das große Warten auf das manchmal etwas hektisch wirkende Anlegemanöver. Hier passieren viele Dinge nahezu gleichzeitig. Gute Vorbereitung zahlt sich nun aus, wenn der Kapitän an seine Steuerleute in kurzen Abfolgen Kommandos über Funk gibt, die diese sogleich an die bereitstehende Mannschaft weitergibt. Natürlich in der gerechtfertigten Erwartung, dass diese sofort ausgeführt werden. So fühlt sich dieses Manöver wie ein gut eingeübtes Konzert an, dirigiert durch den Kapitän, welches erst in seiner Gesamtheit das Ergebnis des gezielten und sicheren Anlegens hervorbringt.
Nach dem Anlegen und dem folgenden Abendessen bietet sich die Gelegenheit, das kleine Städtchen Esbjerg etwas näher kennen zu lernen. Dies nutzt ein Großteil der 8-12 Wache auch sehr gern. Trotz des nun leider stetig stärker werdenden Regens machen sie sich auf den Weg und enden in einer gemütlich aussehenden Bar. Zur Verwunderung der 8-12 Wache kam nun etwa das halbe Schiff in mehreren Gruppen über die Zeit dazu, sodass wir Gelegenheit hatten nicht nur die eigene, sondern auch die anderen Wachen etwas näher kennen zu lernen. So endet unser erster Tag in Esbjerg!
Herzliche Grüße von Bord,
Bordberichterstatter Martin Weil, Kapitän Uwe Timm und die ganze Crew

