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151 – 05.04.2021 – Hier wird Dir ´was geboten

Tagesbericht

Törn:                                    151.21

Datum:                                05.04.2021 – Montag

Mittagsposition:              Auf der Nordsee – Zwischen Helgoland und Bremerhaven

Das Wetter:                      Stürmisch und neblig

Titel/Überschrift:            „Hier wird Dir ´was geboten“

„Guten Morgen Rainer, Dein Wecker klingelt, es ist 7 Uhr. Wir haben 1,5 Grad, der Wind weht mit 8 Beaufort. Der Himmel ist bedeckt und es könnte sein, dass wir gleich Schneeregen bekommen. Du hast um 8 Uhr Wache.“ Mein Wecker klingelt, welcher Wecker? Sandra hatte sich eine neue Ansage einfallen lassen. Trotzdem kam mir etwas komisch vor. „Liegen wir nicht in Helgoland an der Pier?“ fragte ich? „Nope“ war die knappe Antwort, „Details gibt´s beim Frühstück.“ Na dann mal schnell Zähne geputzt, rein in die Klamotten und ab zum Frühstück.

Da das Tief schneller war als wir, drehte der Wind schon gestern Abend auf konstant 7 Beaufort, in Böen 8, auf. Wir legten in der Nacht noch Halteleinen, um uns auf dem Schiff sicher bewegen zu können und bargen alle Segel bis auf das Vorstengestag. Unser Kapitän erklärte uns beim Frühstück, dass der leichte Rückgang des Winds nicht wie prognostiziert zwischen 4 und 5 heute eingetreten ist, dass die Einfahrt zum Hafen in Helgoland mit zu viel Wind und zu viel Welle gegen uns, zu unsicher war und deshalb entschieden wurde, nach Bremerhaven weiter zu segeln.

Als ich um 8 Uhr meine Wache antrat, hatte der Wind bereits auf konstant 8 Beaufort, in Böen 9, weiter aufgedreht. Die Welle war locker 4 Meter hoch, vielleicht war es auch ein bisschen mehr, aber wir wollen hier ja kein Seemannsgarn spinnen. Die Alex-2 schnitt mit 5-6 Knoten sanft durch die Wellen. Unten im Schiff war von dem Wetter „draußen“ fast nichts zu spüren, so ruhig lag das Schiff im Wasser. Es war tatsächlich so, dass ich heute Nacht nur beim Einschalten des Motors und dem Stampfen gegen Wind und Wellen wach wurde. Ansonsten war von den 1,5 Grad Außentemperatur, dem Hagel und dem Stechen des Windes im Gesicht nichts zu spüren.

Als ich draußen auf der Wache überlegte, wie ich den einen oder anderen Tropfen aus meiner Nase entfernen sollte, hatte Jenni das wohl bemerkt und meinte nur ganz trocken: „Bei dem Wind fliegt Dir der Rotz von alleine quer aus der Nase.“ Ich habe geprustet vor Lachen. In der Nacht haben wir noch die Wassertemperatur gemessen, von 5 Grad. Wir überlegten direkt, ob wir nicht vielleicht das Deck gegen ein kurzes Bad im Meer tauschen wollen bzw. sollen. Weil es dort einfach wärmer ist. Ein Kracher folgte auf den nächsten. Wenn es nicht so saukalt gewesen wäre – ich hatte tatsächlich mal wieder Handschuhe an, ja, ich bin halt ein Weichei – hätten wir anfangen, uns die Schenkel zu klopfen.

Es zog nicht erst heute Nacht, so etwas wie Wehmut auf. Ja, jetzt werde ich ein wenig sentimental. Es ist schon über der Hälfte unserer Zeit auf der Alex-2 vergangen. Und wir sind als Team immer weiter zusammengewachsen. Mit jedem Tag, der vergeht, wird uns klar, dass die Tage, die noch vor uns liegen, weniger sind, als die Tage, die hinter uns liegen. Wir haben uns überlegt, ob wir nicht noch ein bisschen länger zusammenbleiben und noch ein paar Tage oder Wochen (?) zusammen weitersegeln können. Ach … Sentimentalität wieder OFF.

Gegen 15:30 Uhr liefen wir in die Schleuse zum alten Hafen in Bremerhaven ein. Der Wind drückte derart auf das Schiff, dass ich mich gefragt habe, wie unser Kapitän da wohl reinfahren wird. Ich war beim Leinenteam eingeteilt, das mit dem Beiboot ausgesetzt wurde, an die Kaimauer der Schleuse fuhr, mit der Leiter nach oben kletterte, die Leinen vom Schiff entgegennahm und das Schiff festmachte. Das Schiff lag fast quer zur Schleuseneinfahrt im Hafenbecken. Unmittelbar vor der Schleuseneinfahrt lies Kapitän Tilman den Bug unseres Schiffes vom Wind herumdrücken und fuhr kerzengerade in die Schleuse. Wenn es nicht so kalt gewesen wäre, ich hätte meine Mütze gezogen und mich verbeugt. Ganz großes Kino.

Das Leinenteam fuhr mit dem Beiboot an die Pier, an der wir dann auch anlegten. Kaum hatte die Alex-2 die Schleuse verlassen, stellte der Wind unser Schiff schon wieder quer in das Hafenbecken. Wir wollten an Backbord mit dem Wind anlegen – zugegeben ein gewagtes Manöver. Und wie sich das Schiff der Kaimauer näherte kam eine Bö und beschleunigte die Alex-2, so dass an Anlegen nicht zu denken war. Wenn wir das versucht hätten, wäre mit Sicherheit etwas kaputtgegangen oder gerissen. Das Risiko war einfach zu hoch. Also wurde das Manöver abgebrochen und Kapitän Tilman ordnete das Anlegen an der Steuerbordseite an. Während er das Schiff im Hafenbecken drehte erfasste uns wieder eine Bö und drückte das Schiff rückwärts gegen die Hafenmauer. Kapitän Tilman gab Vollgas nach vorne – ich glaube, da hat keine Zeitung mehr dazwischen gepasst. Puh, das war mehr als knapp. Der Wind hatte das Schiff jedoch komplett erfasst und um nicht zu treiben und weiterhin die Kontrolle über das Schiff zu behalten, ließen wir mitten im Hafenbecken den Anker fallen. Zunächst slippte der Anker zwar, aber dann hielt er, dafür ist er ja auch da.

Als die Bö nachgelassen und sich das Schiff stabil ausgerichtet hatte, ließ Kapitän Tilman mit langsamer Vorwärtsfahrt und unter Ausnutzung des Windes die Alex-2 sanft an die Kaimauer gleiten. Da der Wind beim Anlegemanöver unverändert heftig blies, legten wir 4 Vorleinen und 3 Achtersprings aus. Jetzt liegen wir fest und sicher im Fischereihafen.

Kaum lagen wir fest, kam der nächste Schnee- und Hagelschauer. Innerhalb weniger Minuten war das Deck des Schiffes fast komplett weiß und eine Rutschbahn erster Güte. Kapitän Tilman ordnete an, alle Aufräumarbeiten für den Moment zu unterbrechen und beorderte die gesamte Mannschaft in die Messe. Er machte ein kurzes Debriefing zum Anlegemanöver, was passiert ist und warum wir so angelegt haben, wie wir es jetzt gemacht haben. Und er hielt eine kurze Ansprache, warum wir nicht in Helgoland wie geplant eingelaufen sind und auch über die letzten zwei Tage. Er bedankte sich bei uns und lobte uns für die gute Seemannschaft, das Durchhalten und meinte auch, dass wir uns darauf schon ein bisschen ´was einbilden können, was wir die letzten zwei Tage durch- und mitgemacht haben. Und dann gab er, einer alten Seemannstradition folgend, eine Runde Bier für alle aus und stieß auch mit jedem persönlich an. Und schon wieder kam so etwas wie Wehmut auf.

Nein, mit Wehmut und dem schon bald nahenden Abschiedsschmerz will ich den heutigen Bericht nun wirklich nicht beenden. Keiner könnte diesen Tag besser zusammenfassen, als der Steuermann auf unserer Wache, Bruno, der schon heute Vormittag bei 9 Beaufort in die zwischenzeitlich zwischen den Wolken durchscheinende Sonne blinzelte und meinte: „Hier wird Dir ´was geboten.“

Jetzt muss ich los zur Hafenwache. Ich glaube, heute um 22 Uhr, wenn ich mit meinem Wachdienst zu Ende bin, werde ich mir ein zweites Bier gönnen.

05.04.2021, Rainer Merkhofer